Dienstag, 31. März 2009

Die Sterne

Sie: Warum siehst du so traurig aus?
Er: Vielleicht bin ich es.
Sie: Sieh nur, nie zuvor habe ich die Sterne so klar gesehen.
Er: Vielleicht waren sie es nie zuvor.
Sie: Weißt du was es heißt zu bereuen?
Er: Ganz bestimmt.
Sie: Wenn ich die Traurigkeit in deinen Augen glitzern sehe, dann bereue ich.
Er: Was bereust du?
Sie: Ich bereue, dass die Sterne so weit weg sind.
Das Glitzern aus seinen Augen verschwand.
Er: Weißt du was, du hast es nicht verdient zu bereuen.
Sie: Und was willst du tun?
Er: Nimm deine Hand und streck sie aus! Was fühlst du?
Sie: Ich greife ins Leere. Jetzt fühle ich mich allein.
Er stand auf und nahm ihre ausgestreckte Hand in seine.
Er: Siehst du, ich glaube die Sterne sind ganz nah.
Sie drehte ihren Kopf und sah in seine Augen.

Das Haus

Dort ganz am Ende steht ein Haus. Schon am frühen Abend brennt Licht im kleinen Zimmer zur Straße hinaus. Jeden Abend. Die Gardinen sind geschlossen. Auch morgens sind die Gardinen vorgezogen, noch nie habe ich jemanden die Haustüre öffnen sehen. Manchmal sitzt eine Katze auf dem Fensterbrett. Sie starrt mich an, gehe ich vorbei. Einmal abends klingelte ich an, der Lichtschein im Zimmer erlosch, nichts rührte sich. Verwundert drehte ich mich um, ließ die Lilien auf den Treppenstufen zurück. Am nächsten Morgen waren die Blumen nicht mehr da.
Auch heute gehe ich wieder an dem Haus vorbei. Doch es brennt kein Licht, kein Vorhang ist vorgezogen. Unheimlich, denke ich. Dann komme ich nach Hause, inzwischen ist es dunkel. Als ich gerade den Schlüssel ins Schloss stecken will, entdecke etwas rotes neben meinen Füßen. Ich bücke mich und finde eine Blumenvase. In ihr stehen drei rote Mohnblumen. Verunsichert drehe ich mich um, doch die Straße ist menschenleer. Nie wieder habe ich das Licht im Haus dort am Ende brennen sehen.

Donnerstag, 19. März 2009

Der Ausblick

Elegant setzt der Adler zum Landeanflug an. „Wer bist du?“, fragt er den Mann. „Kennst du mich nicht, Adler?“, fragt der Mann verwundert. „Ich bin ein Star, mir gehört die Welt.“ „Welche Welt?“ „Was meinst du, welche Welt? Sie nach vorn, der endlose Horizont über dem Ozean.“ Der Adler spannte seine Flügel aus und machte einen Satz nach vorn. Er stand jetzt ganz vorne am Felsvorsprung. Fragend drehte er sich zu dem Mann um, „ und das alles gehört dir?“ „Nunja, nicht ganz.“ „Das verstehe ich nicht“, der Adler ließ seinen Blick schweifen. Er erkannte eine Maus, die tief unter ihm über die Felsen huschte. „Weißt du, Adler, eben noch gehörte das alles mir. Doch jetzt teile ich mit dir.“ „Warum mit mir?“ „Sie dich um, mit wem sollte ich sonst teilen?“ „Ich sehe meine Freundin und die Jungen. Ich habe zwei Söhne. Sie sind immer bei mir, tief in meinem Herzen.“ „Gut, dann teilen wir uns die Welt zu fünft.“ „Aber wie kannst du dich mit einem Fünftel zufrieden geben, wenn dir noch eben die ganze Welt gehörte?“ Der Adler verstand nicht. „Schließe die Augen, Adler!“ Der Adler schloss die Augen. „Jetzt spann die Flügel aus und lass dich fallen.“ Der Adler öffnete die Augen wieder und sah den Mann an. „Wie weiß ich, dass ich dir vertrauen kann?“ „Schließ die Augen und lass dich fallen, Adler. Du wirst verstehen. Vertrau dir selbst, mich brauchst du nicht.“ Der Adler schloss die Augen wieder. Er drehte den Kopf nach vorn und spannte die Flügel aus. Er zögerte. Doch dann ließ er sich fallen. Der Adler flog durch die Luft, immer schneller. Meter um Meter schoss er auf den Ozean hinaus. Der Adler bekam Angst, er hatte das Gefühl für die Welt um sich herum verloren. Er wusste nicht mehr in welche Richtung er flog, ob überhaupt noch geradeaus oder gar hinunter. Er riss die Augen auf, unter ihm glitzerte die Sonne golden im Wasser. Als der Adler sich umsah konnte er den Mann nicht mehr erspähen. Der Felsen war leer. Der Adler war weit vom Ufer weg. Ein Gefühl von Einsamkeit ergriff ihn, es verwandelte sich in Panik. Abrupt machte der Adler kehrt und flog mit großen Flügelschlägen zum Ufer zurück. Er sah seinen Schatten über die Gräser und Steine huschen. Dann sah er den Baum, in dem er das Nest für seine Familie gebaut hatte. Er spürte Erleichterung als er seine Lieben erblickte. Der Adler landete im Nest und schloss die Kleinen unter seine Flügel. Die beiden Jungen schliefen. Jetzt ließ der Adler seinen Blick wieder durch die Ferne schweifen und er verstand. Der Adler drückte seine Flügel noch etwas fester um seine kleine Familie.

Freitag, 13. März 2009

Angst

Sie liest eine Zeitung, er hört Musik, starrt geradeaus. Der alte Mann sieht traurig aus. Dann steigt er ein, der schwarze Mann. Er guckt sich um, kein Platz ist frei, er stellt sich neben mich. Es ist voll, er steht zu nah, ich kann seinen Atem hören. Die Bahn nimmt Fahrt auf. Das gewohnte Rattern, der dunkle Tunnel, doch mein Herz schlägt schnell. Ich fühle in meine Taschen und knüpfe die Jacke zu. Atme tief durch uns stelle mich gerade hin. Ein wenig weiter nach Rechts. Ich hebe meinen Kopf, drehe die Augen. Er starrt mich an. Ich habe Angst, Angst vor dem schwarzen Mann. Dann das Quietschen der Bremsen, die Bahn kommt zum stehen. Die Türen schwingen auf, Bewegung überall. Ich drehe mich um, keine Spur vom schwarzen Mann. Und sie liest Zeitung, er hört Musik. Der alte Mann sieht traurig aus.

Wenn die Hunde bellen

Wenn die Hunde bellen bricht die Stille. Und sie bellen lange. Draußen in der Dunkelheit, wenn nur noch Nacht ist. Sie schicken ihre Stimmen durch die Straßen, bauen Brücken zwischen Inseln. Es sind Brücken die nie betreten, Brücken die verschwinden. In der Dunkelheit der Stille, die alles umschlingt. Irgendwo steht ein Mädchen am Fenster, im Zimmer brennt Licht. Sie schaut hinaus, stellt sich vor was verborgen liegt. In ihrer Hand das Herz aus Papier. Und die Stille bricht, wenn Hunde bellen. Eine Symphonie der Stimmen, die Hunde bellen lange in dieser Nacht.

Mittwoch, 11. Februar 2009

Projekt abgeschlossen

Projekt abgeschlossen Kein Ende in Sicht

Machtlos in der Brandung.

Donnerstag, 5. Februar 2009

Überwältigend

„Was passiert, wenn man so viel Liebe erfährt, dass es einen ganz traurig macht? Man setzt einen Fuß vor den anderen, ein Lächeln zwängt sich unweigerlich auf die Lippen. Es wird ein Grinsen, ein Lachen, die Augen strahlen. Warum gerade ich? Warum mich? Man schwebt.“

Die Biene spannte ihre kleinen Flügel aus und machte einen Satz nach vorn. Surrend flog sie durch die Luft, hinter ihr schwankte die gelbe Blüte ruhig im Wind.

„Man möchte schreien. Bei allen auf einmal sein. Sie alle umarmen. Die Gefühle mit ihnen teilen. Es sind Kleinigkeiten, Zeichen der Liebe. Manchmal sieht man sie. Andeutungen, Gespräche, Augenzwinkern. Sie machen glücklich. Nein, nicht froh, nicht zufrieden. Glücklich.“

Die Biene landete im hohen Gras. Sie kroch einen Stängel hinauf, um eine bessere Aussicht zu haben. Von hier aus konnte sie alles sehen.

„Wenn ich melancholisch bin, dann weiß ich, dass es Liebe war. So viel Liebe, dass ich sie nicht in mir halten kann. Zu viel für meinen kleinen Körper. Ich lasse sie gehen und bin irgendwie traurig.“

„Überwältigend“, sagte die Biene.

Dienstag, 27. Januar 2009

Angst vor dir

„Ich habe Angst“, sagte sie.

„Angst wovor?“, fragte er.

„Vor dir“, sagte sie.

„Vor mir“, wiederholte er.

„Ich habe auch Angst“, sagte er.

„Angst wovor?“, fragte sie.

„Vor dir“, sagte er.

„Vor mir“, wiederholte sie.

Sie griff nach seiner Hand, zusammen gingen sie einige Schritte.

„Du bist so groß“, sagte sie.

„Ohne dich bin ich Nichts“, sagte er.

„Nichts“, wiederholte sie.

„Du bist so stark“, sagte er.

„Ohne dich bin ich Nichts“, sagte sie.

„Nichts“, wiederholte er.

Er griff nach ihrer Hand, zusammen gingen sie einige Schritte.

„Fühlst du es?“, fragte er.

„Es ist ein wunderbares Gefühl“, sagte sie.

„Fühlst du es?“, fragte sie.

„Fühle ich es?“, wiederholte er.

Er legte seine Hand auf ihren Bauch.

„Ein wunderbares Gefühl“, sagte er.

Sie nahmen sich an der Hand, zusammen gingen sie einige Schritte.

Sonntag, 25. Januar 2009

Fiebertraum

Ich stehe im Raum. Auf einmal füllt er sich, ist nicht länger nur ein leeres Gerüst. Er füllt sich mit dem Nichts, Gegenstände verschwinden, feste Wände verblassen. Und dennoch, ein festes Gefüge um mich herum. Ich mache einen Schritt, lausche. Da ist sie wieder, die Bedeutung. Lautlos dringt sie in mich ein wie ein Schrei. Ein lautloser Schrei. Ich drehe mich um, suche sie. Die lautlosen Stimmen, sie reden mit mir. Ich kann sie nicht hören, doch ich fühle. Ich bin zu Hause, in meinem eigenen Zimmer, doch es ist eine andere Dimension. Das Altvertraute, aber eine andere Wahrnehmung. Die Materie verschwindet aus dem Bewusstsein. Überall nur noch das Nichts und die lautlosen Stimmen. Sie hallen durch den Raum, drücken auf mein Bewusstsein, sie sind in mir. Ihnen fehlt der Inhalt und trotzdem vermitteln sie Bedeutung. Die Stimmen erzählen Dinge, die nicht passen. Ich weiß es, doch ich habe keine Chance. Noch wache ich nicht auf, aus diesem Bewusstseinstraum. Schwer wie Steine zieht die Bedeutung an mir. Sie treibt mich durch den Raum. Niemand wird es verstehen, nur der, der es fühlt. Es gab Zeiten, da erfüllte mich der Zustand mit Angst und Verzweiflung. Verstört suchte ich nach dem Ausweg, aus dem Raum ohne Wände. Doch heute bin ich wieder hier, ich kenne ihn schon, den Raum des Nichts. Ich weiß, dass ich ihn nur selten betreten kann. Viel zu selten stehe ich ihr persönlich gegenüber, der Bedeutung. Ich lasse mich darauf ein und lausche.  Sie hat mir nichts zu sagen, doch sie ist da. Ich stehe im Raum der Bedeutung.

Samstag, 24. Januar 2009

Tag Unendlich

Stell dir den unendlichen Tag vor. Dein Ende vor seinem. Dein Leben, das einer Eintagsfliege. Kürzer noch. Ein Tag. Hat der Tag ein Ende, du würdest es nicht wissen. Hat der Tag einen Anfang, du kennst ihn nicht. Wie lange würdest du brauchen dich einzugewöhnen. Wie lange dich zu verabschieden. Bleibt Zeit für den Mittag? Würdest du den Sonnenuntergang beobachten. Ihr Verschwinden, das Symbol für deins. Würdest du es schaffen den Tag über zu rennen, oder schliefest du aus. Denk darüber nach. Du hast alle Zeit der Welt. Einen Tag, der nicht endet. Nicht vor dir. Möchtest du lernen, was Gestern war? Interessiert dich überhaupt, wie Morgen wird? Genau das möchte ich von dir wissen. Sag es mir. Ich lade dich ein. Erzähl von dir. Treffen wir uns? Aber nicht erst heute Abend. Stell ihn dir vor, den unendlichen Tag.

John

John, was macht die Waffe an meinem Kopf? John, sie mich an. Wo kommt sie her, wo gehst Du hin. John, gib sie mir. Ich stehe hier, gehöre Dir. Du musst es nicht tun. Sie mich an, ich habe Flügel. Wir verschwinden von hier. Nur wenn Du mir versprichst, Du lässt mich nicht zurück. Versprich Dich mir. John, sie mich an. Wisch das Gestern aus dem Glanz Deiner Augen. Nun mach schon. Du wirst es nicht tun. Sieh doch, wie Du zitterst. John, Du bist stark. Ich sage es nicht noch einmal. Komm mit mir. Jetzt. Jetzt nach draußen, Du und ich. Raus von hier, raus aus Jetzt. Raus. Aus. John, sie mich an. Deine Augen, Du schließt sie jetzt. John, was macht die Waffe an Deinem Kopf?

Samstag, 13. Dezember 2008

Rückenwind

Schwarze Löcher im Universum. Unaufhörlich ziehen sie Masse an. Diese folgt ihrem Schicksal, ohne nachzudenken, und verschwindet. Irgendwo existiert das schwarze Loch des Glücks. Man kann Glück nicht kaufen. Machtkämpfe dominieren nicht nur Ghettos, der Regen durchweicht auch Jacketts. Man kann es verkaufen.

Ich habe die Entscheidung. Stehe an einer Wegzweigung und habe keine Münze. Ein Weg ist groß und eben. Er ist ausgebaut und verspricht eine leichte Reise. Am Ende steht Reichtum und damit verbunden die unendlichen Möglichkeiten. Der Weg hat ein Ende. Der andere ist klein und ein wenig versteckt. Ich nehme diesen Weg und habe Angst. Kein Ende in Sicht, nur die Etappenziele vor Augen. Doch ich habe mein Glück nicht verkauft und wenn ich es verliere habe ich noch meinen Stolz. Das schwarze Loch geht leer aus, die Welt gewinnt an Farbe.

Montag, 8. Dezember 2008

In aller Stille

Als die rhythmischen Schläge der Trommeln für einen Moment verstummten, hallten nur noch die aufgeregten Kläffer der Hunde über den See. Es war eine ruhige Nacht. Wie ein Filter hatten sich die Wolken vor den perfekten Vollmond gelegt und sorgten dafür, dass sich der Unterschied zwischen Himmel, Bergen und See nur in variierenden Grautönen ausdrückte. Das ferne Glitzern der Laternen am anderen Ufer verriet die Zivilisation, doch die Menschen hatten sich zurückgezogen um geschützt vor der Dunkelheit auf einen neuen Morgen zu warten. Nur wer genau hinschaute, seine Ängste und Gefühle für einen Moment vergaß, der konnte es sehen. Die Macht des imposanten Berges, der die Kraft hatte alles zu vernichten. Ihm Untergeordnet das Wasser, das sich in dieser Nacht fast lautlos bewegte und dabei unbemerkt ein Reich verdeckte, das wohl noch viel größer als das sichtbare war. Der wacklige Steg unter den Füßen des ruhigen Beobachters jedoch war das schwächste Glied in der Kette. Erstaunlich mutig ragte er in das Unbekannte des Sees hinein und schaffte somit einen Platz der Schwerelosigkeit. Die Hunde hatten sich beruhigt. 
Dann brach die leichte Wolkendecke auf und ließ den Mond so freistehend zurück, dass man sich fragen mochte wie es ihm möglich war dort oben so fest in seiner Position zu verharren.
Im leicht schwankenden Wasser konnte sie ihr Gesicht erkennen. Die Angst war einem entschlossenen Blick gewichen. Vorsichtig ließ sie sich in das lauwarme Wasser gleiten. Sie war keine gute Schwimmerin und als sie nach wenigen Minuten den Steg weit hinter sich gelassen hatte, wusste sie ihre Kräfte überfordert zu haben. Ihre schmerzenden Arme ließen keinen langen Kampf mit dem Verstand zu. Für Augenblicke wurde das zirpende Geräusch der Grillen an Land von dem durcheinandergewirbelter Wassermassen übertönt. Dann Stille. Wolken schoben sich vor den Mond und einzig die Kleidungsstücke auf dem Steg blieben als Zeugen der nächtlichen Szene zurück.

Das kleine Mädchen

Angespannt sitzt es auf seinem Kinderstuhl, die Arme auf den Tisch gestützt. Das kleine Mädchen. Eine für seine Hände viel zu große Schere arbeitet sich zittrig durch das Papier. Gefährlich fest hat es seine Zunge zwischen die Zähne geklemmt, der Blick ist glasig konzentriert. Als wolle es die Figur mit den Zähnen aus dem Papier reißen, bewegt sich sein Kiefer angespannt hin und her, mit dem Kopf folgt es den Bewegungen der Schere. 

Scheppernd fällt die Schere auf den Tisch, das Mädchen springt auf, stößt dabei seinen Stuhl nach hinten um. Ein stolzes Strahlen dominiert sein Gesicht. Es zerknüllt das übrige Papier, wirft es in die Ecke und presst seinen neuen Schatz fest an die Brust. Seine Hand ist gerade groß genug um es zu verbergen - ein Herz aus Papier. Mit dem neuen Besitz kommt die Angst. Schnell rennt das Mädchen hinter das Bücherregal in die geheime Ecke. Es ist meins, denkt es sich. Das kleine Mädchen.

Auf der anderen Seite des Bücherregals hebt ein kleiner Junge das Blatt vom Boden auf. Auf dem verknitterten Papier erkennt er sein Bild. Ein großes herzförmiges Loch klafft in der Mitte. Was was er mühevoll gezeichnet hatte, verschwunden, herausgerissen. Mit großen Augen starrt er auf den Fetzen, den er in seinen Händen hält. Eine Träne kullert über seine Wange. Der kleine Junge.

Dienstag, 25. November 2008

Die Petition

Ich gehe auf die Straße, noch heute. Mache Lärm und schreibe Schilder. Kommt und unterzeichnet meine Petition. Eure Unterschriften, ich brauche sie alle. Halten wir zusammen, dieser Kampf ist wichtig. Es ist nicht fair. Es fehlt das Mitspracherecht. Viel zu plötzlich, immer wieder werden wir überrumpelt. Einmal geschehen, die Rückkehr unmöglich. Eingesperrt, festgehalten auf dem Weg nach vorne. Wir protestieren für die Freiheit.

Kommt mit, man darf nicht länger Schweigen. Viel zu oft vergraben, versteckt, versucht zu vergessen. Doch heute platzt es aus mir raus, das Fass ist übergelaufen. Ich habe genug von ihr und ihren mächtigen Armen. Kommt hinaus, rennt mit mir durch die Straßen, setzt euren Namen auf die Liste. Wir verbannen sie aus unserem Leben. Für heute und in Ewigkeit - Eine Petition gegen die Vergangenheit.

Bitte dreh dich nicht

Bitte dreh dich nicht um. Ich stehe hier und sehe dich dort unten sitzen. Einsam an deinem Tisch, ein Stockwerk tiefer, die offene Architektur ermöglicht den Blick. Konzentriert schaust du auf den Bildschirm, die Maus in der Hand, eine Flasche Wasser in der anderen. Es ist dein Platz, du sitzt mit dem Rücken zu mir. Bleib so, es ist schön dir zuzusehen. Bitte dreh dich nicht.

Ein anderer Tag, du sitzt da, ein Mann neben dir. Zusammen wühlt ihr durch Blätter, gestikuliert, nickt im Einverständnis. Du bist nicht allein, um dich herum sitzen auch die Anderen. Nur eine Bewegung in die falsche Richtung, ein unschuldiger Blick, und ich wäre enttarnt. Bitte dreh dich nicht.

Ich wende mich ab, vergrabe die Hände tief in den Anzugtaschen. Blicke durch den Raum, erwache aus diesem Tagtraum. Hier oben ist mein Platz, doch du kennst ihn nicht. Ich lasse mich wieder in den Schreibtischstuhl sinken, nehme einen Schluck Wasser und Blicke auf die Uhr.

Ich stehe auf, strecke mich. Gestützt auf das Geländer, der Blick hinab, ein leerer Stuhl. Du bist nicht da. Nur deine Handtasche und ein Handy verraten, dass du nicht weit sein kannst. Mein Blick schweift durch den Raum, müde reibe ich mir die Augen. Meine Wasserflasche ist leer, ich gehe zur Tür. Sie öffnet sich.

Du stehst vor mir, siehst mich verdutzt an. Ich kann deine Augen sehen,  zum ersten Mal. Mit einer Hand hältst du die Tür auf, links ist Platz, doch du bewegst dich nicht. Dein irritierter Blick weicht einem verlegenen Lächeln. Ich bin wie gelähmt, stehe nur da. Doch dann öffne ich den Mund und sage diese Worte. Zum ersten mal laut und nicht nur in Gedanken. Es ist schön dich zu sehen. Bitte, bitte dreh dich nicht.

Mittwoch, 12. November 2008

Ich bin wieder hier

ich bin wieder hier
hab lange genug gewartet
in der pausendusche gebadet
kleinkram erledigt
ich bin wieder hier
habt lange genug auf mich gewartet
rechnet mit mir
ich steige mit ein
geb alles was ich habe
mich selbst als einsatz
lange im nichts verschwunden
froh wieder dabei zu sein
will keine zeit verschwenden
lass die wuerfel rollen
die karten werden neu gemischt
es gibt einen spieler mehr

Sonntag, 9. November 2008

Wiedersehen

Du stehst nicht an der Tür, hast das Auto nicht gehört. Kein freudiges Strahlen, kein Hallo. Ich steige die regennassen Stufen hinauf, jede einzelne weckt hundert Erinnerungen. Ich klingel einmal, zweimal. Früher wär ich einfach an die Hintertür auf der Terrasse gekommen, dem Duft in die Küche gefolgt, hätte dich im Wohnzimmer gefunden. Das Türschloss klackert, ein Schlüssel wird herumgedreht. Einmal, zweimal. Schnecken ziehen sich in ihre Häuser zurück, wenn sie müde sind. Doch dann stehst du da, das Strahlen ist das gleiche. Du schließt mich in deine Arme, nichts ist ehrlicher als das Pochen deines Herzes. Ich gehe durch den Flur, muss mich an der Türschwelle zum Wohnzimmer bücken. Ich erkenne es wieder, es ist wie immer. Sogar die Spielzeugkisten stehen noch unter dem kleinen Schrank. Ein Nachmittag der Ruhe, ich habe mir Zeit genommen. Es ist gut dich zu sehen. Wir reden doch es ist belanglos, wollen wir doch nur wissen wie es dem anderen geht. Es ist einsam, sagst du, und ich kann es sehen. Als es draußen dunkel wird, muss ich gehen. Den Autoschlüssel in der Hand, ich drehe mich noch einmal um zu dir. Mach es gut, sage ich, wir sehen uns. Keine Lüge, aber mehr Wunsch als Glaube. Als die schwere Tür hinter mir ins Schloss fällt, umhüllt mich die Dunkelheit. Ich bleibe stehen, versuche diesen Moment in mir zu verewigen. Dein Lächeln zum Abschied, deine Stimme, dieses Haus. Am liebsten möchte ich zurückstürmen, zu dir rein, dich in die Arme schließen und schreien. Ich habe Angst, pass auf dich auf, ich habe Angst es ist das letze Mal.

Freitag, 7. November 2008

Es ist Montag

Als der voll besetzte Bus mit gleichmäßiger Geschwindigkeit über den Asphalt rollt, sind die Passagiere still. Keine Unterhaltungen, starre Blicke in die endlose Leere, die sich vor ihren Augen auftut. Nur das röhrende Geräusch des Motors erfüllt den Raum und hinterlässt eine kurzweilige Spur draußen auf der Straße. Eine scharfe Bremsung, eine Linkskurve. Fester umklammern die vielen Hände die dafür vorgesehenen Metallstangen, für einen kurzen Moment kommt es zu Berührungen sich fremder Schultern. Ein reflexartiger Ausgleich der Fliehkraft, die Blicke bleiben in der Ferne. Vorne im Bus hockt ein Mann quer auf seinem Sitz. So kann er die Haltestange besser greifen, wenn es nötig ist. In leicht gebückter Haltung und mit den Beinen gerade vor sich auf den Boden gestellt, wirkt er kleiner, als er es ist. Seine Hände sind auf dem Schoß gefaltet, in den Armen liegt ein schwarzer Rucksack. So sitzt er jeden Nachmittag um vier Uhr da, denn dann hat er Feierabend. Mit weit geöffneten Augen verfolgt er durch seine Brillengläser was um ihn herum geschieht. Da, eine Bewegung links von ihm, ein Mann greift in seine Hosentasche um ein Handy hervorzuholen. Ein Ellenbogen, der fast seine kurzen Haare streift, hastig guckt er hinauf. Doch meistens passiert nichts, regungslos fügen sich die Menschen den Bewegungen des Busses. Das versteht er nicht. Es ist ein schöner Nachmittag, findet er. Das Wetter ist gut, so wie es gestern in den neunzehn Uhr Nachrichten angekündigt worden war. Draußen die Landschaft und die Häuser der Stadt, in der er sich zu Hause fühlt. Sein Leben ist gut, denkt er. Von dem was er hat, kann er gut leben und Wünsche können in Erfüllung gehen, wenn man wirklich daran glaubt. Der grimmige Gesichtsausdruck der Frau auf dem Sitz gegenüber irritieren ihn. Stimmt etwas nicht? Ein junger Mann flucht, als er in der nächsten Rechtskurve kurz den Halt verliert. Einsame Worte, die in der allgemeinen Anteilslosigkeit untergehen. Mit seinen großen Augen hat er die Situation genau verfolgen können. So etwas passiert, denkt er sich. In diesem Moment ist durch die Fenster die Fassade der Kathedrale zu sehen. Zufrieden blickt er auf die großen Zeiger seiner Armbanduhr. Es passt, auch heute ist der Bus nicht spät. Schon die nächste Station ist seine. Nachdem der Bus zum Stehen gekommen ist, verlässt er seinen Sitz, setzt sorgfältig den Rucksack auf und hastet dann durch die Türen, bevor sich diese wieder schließen. Ein kurzes Getümmel, mit eiligen Schritten verschwinden die Mitausgestiegenen in verschiedenen Richtungen. Eine Frau steht einsam an der Bushaltestelle. Es ist seine. Er seufzt erleichtert und lächelt ihr zu. Verlegen lächelt Sie zurück, jeden Tag steht sie hier, wenn sie kann. Früher konnte sie öfter. Erst als er schützend einen Arm um sie legt, traut sie sich die viel zu warme Wollmütze abzunehmen. Es sind nur ein paar Meter bis zur Wohnung, sie schmiegt ihren kahlen Kopf an seine warme Schulter. Es ist Montag.

Samstag, 1. November 2008

Nur ein Wort

Ein Tag, das Wetter, die Beschäftigung. Ich sitze hier und bin. Bin nicht fröhlich, bin nicht einsam. Ich habe eine Beschäftigung und arbeite gewissenhaft. Doch meine Gedanken schweifen ab. Ich denke an Gestern, an Dich, an uns und Morgen. Das Licht geht schon aus, langsam gewöhnen sich meine Augen an den Schein der Straßenlaterne draußen vor dem Fenster. Erst diese Konstellation lässt den Staub, der sich über Jahre am Fenster gesammelt hat, sichtbar werden. Wie ein Schleier hat er wohl unbemerkt Tag für Tag meine Sicht nach draußen vernebelt. Doch da unten links entdecke ich eine Lücke im Staub, der auf meinem Fenster wie Schnee auf einer Winterwiese liegt. Es ist eine Zahl, jemand muss sie mit dem Finger auf das Fenster gemalt haben. Eins fünf fünf neun. Fünfzehn neunundfünfzig. Eintausendfünfhuntertneunundfünfzig. Dort auf dem Fenster nicht mehr als eine Zahl. Doch ich schlage das kleine vergilbte Wörterbuch auf und blättere Seite für Seite weiter. Da steht sie. Die Zahl, eintausendfünfhuntertneunundfünfzig. Knapp darunter dann in kleinen Buchstaben ein Wort: Vergnügt. Ich schaue noch einmal hin. Vergnügt. Mein Atem ist gleichmäßig, der Alltag macht gleichgültig. Doch das Wort löst etwas in mir aus. Wie eine Stimme, die leise anfängt in mir zu singen. Von den Füßen, in meinen Bauch, bis zum Kopf. Meine Hände fangen an zu zittern, die Mundmuskeln spannen sich an und meine Augen öffnen sich weit. Was ist das für ein Gefühl? Ich muss aufspringen und mich bewegen. Im starren Lichtschein der Nacht tanzt nun ein Schatten durch den Raum. Hin und her, fast lautlos, nur das Tapsen auf dem knatschenden Dielenfußboden ist zu hören. Dann Stopp, ich renne zum Fenster, an die Stelle, an der die kleinen Ziffern auf mich gewartet hatten. Fest Presse ich meine Nase an die kalte Scheibe, starre nach draußen und sehe die Straße. Jetzt muss ich lachen. Über mich, über die Bedeutungslosigkeit der Dinge, die auf meinem Schreibtisch liegen. Über die menschenleere Straße und über diese Nacht. Es wird eine lange werden, denn ich bin vergnügt. Ich bin die Nacht, das Gefühl und die Freiheit.